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Schloss Schenkendorf

Das "Schloss Dracula" hat Schenkendorf für eine Weile in Berlin und Brandenburg bekannt gemacht; jetzt allerdings sieht man nur noch die allmählich verfallende Feldsteinmauer und das Tor, wo ein zerfetzter Vorhang den Einblick verhindern soll. Hinter diesem Tor verbirgt sich nicht nur eine großzügige Villa, sondern ein früher mal wunderschöner Park. Dies ist die Geschichte von Schloss Schenkendorf:

 

Heinrich Schenk von Landsberg hatte hier ein Gut angelegt, als aber die Schenken zu gut Deutsch pleite waren, hatte Freiherr von Loeben das Gut erworben. Das Geld dafür hatte er vom Kurfürsten Brandenburgs für seine Verdienste um Hof und Land bekommen. Über ihn ist im Beitrag über die Schenkendorfer Kirche mehr zu lesen. 1717 fiel das Gut an den Soldatenkönig.

 

Ausgangs des 19. Jahrhunderts erwarb Rudolf Mosse das Gut Schenkendorf, nachdem er bereits das Gut Gallun mit dem Vorwerk Marienhof gekauft hatte.

Rudolf Mosse

Wer war dieser Rudolf Mosse? Zum Beispiel Anzeigenkönig weltweit: Er war es, der bei der geradezu legendären "Gartenlaube" einen Anzeigenteil einführte. Das bekam dem Blatt so gut, dass er eine Annoncen-Expedition gründete, die bereits nach wenigen Jahren über 250 Zweigstellen in aller Welt hatte. Für die weltweite Nachrichtenübertragung entwickelte er den nach ihm benannten Rudolf-Mosse-Code, der die kostengünstige und verschlüsselte  Übertragung und sogar eine gewisse Korrektur von Übertragungsfehlern ermöglichte.

Vor allem aber war Rudolf Mosse Verleger. Seine Zeitungen dominierten den Berliner Zeitungsmarkt, und vor allem das „Berliner Tageblatt“ war unter dem Chefredakteur Theodor Wolff eine Stimme der Liberalität, die sich durch ihr Auftreten gegen die wilhelminische Großmachtpolitik bei der Regierung unbeliebt machte und sogar 1916 verboten wurde.  Er gab den Bäder-Almanach heraus, der ein gefragtes Nachschlagewerk für Patienten und Ärzte war. Außer den drei Berliner Zeitungen gab er an die 130 Fachzeitschriften heraus. Der Firmensitz befand sich im Rudolf-Mosse-Haus an der Ecke Schützenstraße/Jerusalemer Straße, dem Wahrzeichen der Berliner Presse. Es wurde nach den Zerstörungen des II. Weltkrieg wieder aufgebaut und ist durchaus sehenswert.

 

Mosse war ein fortschrittlicher Liberaler, der die Politik des Säbelrasselns ablehnte und deshalb den deutschnationalen Reaktionären im Kaiserreich wie in der Weimarer Republik nicht in den Kram passte. Leuten wie Hugenberg und der deutschnationalen Rechten war er verhasst.

Zu allem Überfluss war der Mann auch noch Jude!

 

Rudolf Mosse war an bürgerlicher Wohltätigkeit gelegen. So gründete er eine Stiftung, die ein Erziehungsheim für Waisenkinder unterhielt. Für seine Angestellten gründete er eine Pensionskasse, und im Jahr 1917 stiftete er 100 000 RM für Studenten.

 

In Schenkendorf hat er sich das heute als "Schloss Dracula" bekannte Gebäude im Stil einer italienischen Renaissance-Villa als Sommer- und Alterssitz bauen lassen. Außerdem entstanden eine Orangerie, ein Gärtnerhaus und insbesondere das Pförtnerhaus mit dem so prägenden Türmchen rechts neben dem Tor.

 

Mosse war Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Schenkendorf und spendete für die Dorfkirche zwei Kirchenglocken; die eine, mit dem Namen seines Sohnes Gerhard, gibt es heute noch, die andere wurde im Krieg eingeschmolzen. 

 

Sein Haus in Schenkendorf war ein Treffpunkt bedeutender Künstler und Intellektueller. So war hier 1920 der sowjetische Außenminister Tschitscherin zu Gast. Mosse und seine Frau standen im Briefwechsel mit Theodor Fontane, Peter Rosegger, Bertha v. Suttner, Rudolf Virchow und anderen bedeutenden Personen des deutschen Geisteslebens.

 

Im Jahr 1920 ist Rudolf Mosse hier in seinem Gutshaus in Schenkendorf gestorben. Er liegt aufdem Jüdischen Friedhof in Weißensee begraben. Die schlimmsten Ausschreitungen des Antisemitismus hat er nicht mehr erlebt.

 

Enteignung durch die Nazis, späteres Schicksal des Schlosses

 

Natürlich wurde das Familienunternehmen nach dem Machtantritt der NSdAP unverzüglich „gleichgeschaltet“; das Schloss wurde enteignet.

 

Nach der Befreiung folgte ein nicht eben ruhmvolles Kapitel der DDR-Geschichte. Das Schloss wurde nicht etwa den rechtmäßigen Eigentümern, der Familie Mosse, zurückgegeben. In der unmittelbaren Nachkriegszeit als wurde es als Waisenhaus genutzt und deshalb 1951 zum Volkseigentum erklärt und an das Landesministerium für Volksbildung übergeben, das für die Heimerziehung zuständig war. Während das noch aus der damaligen Not erklärt werden kann, wurde auch später nie daran gedacht, die Familie für den durch die Nazis begangenen Raub zu entschädigen, sondern das Schloss kam an die NVA. In der ersten Zeit war es Sitz des Erich-Weinert-Ensembles, dann wurde es Ledigenwohnheim für Berufssoldaten des Kommandos der Grenztruppen in Pätz. Man kann sich denken, was das für das Schloss bedeutete. Der Autor hat selbst im Großen Saal gesehen, wie der schöne Raum durch kulturlose „Auf-Putz“-Installationen verunstaltet war. Im Park wurden Garagen gebaut, die Bausubstanz verkam; insbesondere die Freitreppen und das Dach sind verfallen. Der größte Teil des 16 ha großen Parks wie auch das Gut kam an die LPG, die eine Teilfläche als Auslauffläche für die Gänsefarm nutzte; das übrige verwahrloste, blieb aber wenigstens zugänglich. Von der herrlichen Allee, die sich im Norden an den Park anschloss, wurde die nördliche Baumreihe abgeholzt.

 

Der 1913 errichtete Aussichtsturm im Park - es muss ein traumhafter Rundblick gewesen sein -  diente in den Neunziger Jahren der rechtsextremen Szene als Treffpunkt und  ist mittlerweile ein Opfer von Vandalismus geworden.

Der Autor konnte noch die ursprüngliche Schönheit der Anlage mit ihren alten Bäumen, künstlichen Fließen und kleinen Seen bewundern. Im Mai war der Park erfüllt vom Geschmetter der Nachtigallen – das immerhin ist nichts besonderes in der Schenkendorfer Landschaft. Er ist Heimat vieler Frühlingsblüher und steht heute unter Naturschutz. Zugänglich ist er allerdings nicht mehr…

 

Schloss Dracula

Nach 1990 wurden Schloss und Gut Schenkendorf an die Familie Mosse rückübertragen. Die lebt heute in den USA und hat begreiflicherweise wenig Neigung, diesen Besitz selbst zu nutzen. Als Kaufanwärter trat ein Mitglied der Familie Herlitz auf und auch der „Graf Dracula“, wie Ottomar Rodolphe Vlad Dracula Prinz Kretzulesco genannt wurde. Dieser war gar nicht von „echtem“ Adel, sondern durch Adoption zum Prinzen geworden; wegen seines rumänischen Aussehens hatte er die Sympathie der letzten Nachfahrin des legendären Grafen Dracula gewonnen. Es heißt, dass sich die Erben für ihn entschieden, weil er ein Nutzungskonzept vorlegte, das den Menschen einen freien Zugang zu Schloss und Park gestatten sollte. So wurde die Mosse-Villa zum „Schloss Dracula“.

 

Walpurgisnacht und Blutspenden

Dracula, wie er im Dorf allgemein nur genannt wurde, versuchte, eine Art Erlebniszentrum aus der Anlage zu machen. Den Garagenkomplex funktionierte er in eine geräumige Gaststätte um, und er setzte den Antiquitätenhandel fort, mit dem er seinerzeit in Berlin sein Vermögen gemacht hatte. Er schuf einen kleinen Streichelzoo und veranstaltete Freiluftkonzerte, Sommerfeste und andere „Events“. Zur Walpurgisnacht wurde, wie es sich gehört, ein Hexenfest gefeiert, Halloween wurde begangen, und ein bisschen Weihnachtsmarkt fand auch statt. Es kamen tatsächlich Besucher von weit her, und „Schloss Dracula“ wurde weithin bekannt.

Das bekannteste Ereignis waren die Blutspendepartys. Dracula machte sich die Schauergeschichten vom blutsaugenden Vampir zunutze und holte das Rote Kreuz ins Boot. So kam es zu diesen Partys für eine gute Sache.

 

Blutspendeparty bei Dracula

 

Prinz Kretzulesco versuchte sich auch in der Kommunalpolitik. Aus Protest gegen die Gemeindegebietsreform der SPD/CDU-Regierung von 2003 rief er das „Fürstentum Dracula“ in Deutschland aus. Als er für die FDP in den Kreistag einzog, forderte er programmatisch mehr Unterstützung für die Eigentümer denkmalsgeschützter Anwesen.

 

Fürstentum Dracula in Deutschland

Er wusste nur zu gut, wovon er sprach, denn mit dem Enthalt des geschützten Schlosses war er letztlich überfordert. Insgesamt war wohl sein Finanzierungskonzept nicht tragfähig – hätte es vielleicht sein können, wenn er mehr mit den Schenkendorfern zusammengearbeitet hätte, die sein Tun fast alle mit Sympathie betrachteten. Einer allerdings erreichte durch seine Klage, dass die Sommerkonzerte wegen Lärmbelästigung untersagt wurden und so eine Geldquelle verloren ging.

 

 

Am Ende war Prinz Kretzulesco zahlungsunfähig und ist in ziemlicher Armut im Jahr 2009 gestorben. Er liegt in Schenkendorf begraben; der Hochadel, in den er durch Adoption geraten war, ignorierte ihn bis in den Tod hinein. Er ist eine tragische Gestalt gewesen.

 

 

So endete die einzige und wohl letzte Periode in der Geschichte des Schlosses Schenkendorf, in der Schloss und Park für die Öffentlichkeit zugänglich waren. Bei der Zwangsversteigerung übernahm ein bekannter Immobilienspekulant das Grundstück und scheint nun vergeblich auf einen Käufer zu warten. Währenddessen verfällt das Anwesen immer mehr. Als im Jahr 2014 ein Brand im Schloss ausbrach, mag der Eigentümer gehofft haben, dass das Schloss und damit die lästigen Denkmalsschutzauflagen verschwinden würden, aber dafür war die Feuerwehr denn doch zu eifrig.

 

Für das Volk bleibt das Schloss jenseits der Mauer, und ein bemerkenswertes kulturelles und geschichtliches Erbstück ist wohl für immer verloren.